von Bettina Hartmann

Mit dem Genuss ist es so eine Sache. Definitionen dafür gibt es so viele und unterschiedliche wie Genießer. Im Brockhaus heißt es: Genuss ist eine angenehme Empfindung, die bei der Befriedigung eines materiellen oder geistigen Bedürfnisses auftritt. Ganz schön schwammig. Für den einen kann das ein herzhafter biss in ein Leberwurstbrot sein, für den anderen ein kuscheliger Sonntagmorgen im Bett. Der eine freut sich über ein besonderes Glas Rotwein, der andere darüber, dass er beim Tanzen die Bässe im Bauch wummern spürt.

Ist es nur das Besondere, das wir genießen oder auch das Einfache. Vielleicht sogar beides? Genuss kann so vieles sein – und alles zusammen. Eines jedoch ist klar: Genuss ist nicht mit Luxus gleichzusetzen oder mit Konsum zu verwechseln. Auch Verzicht kann man genießen, als ein Stück Freiheit. Und vom Guten – sprich von dem, was man genießt – braucht es ohnehin nur wenig. Genuss hat also nicht nur mit Lust, mit Freude, mit Leidenschaft, mit Hingabe zu tun, sondern auch mit Bewusstsein. Nur wer erkennt, dass etwas fehlt oder dass etwas zu viel vorhanden ist, kann wertschätzen. Genuss ist wahrnehmen, wahrnehmen des Moments in dem man in sich ruht und sich glücklich fühlt. Nicht gestern, nicht morgen. Sondern in diesem einen Augenblick. In dem man ins Leberwurstbrot beißt – ohne an Fettpunkte zu denken. Oder den Bass im Bauch spürt – ohne den morgendlichen Blues zu fürchten. Doch oft killt der tägliche Kampf mit Stress und Hektik den Genuss.

Genuss ist daher eine Fähigkeit, die gelernt werden muss. Mit allen Sinnen. Also, fangen wir gleich damit an. Denn wer nicht genießt, wird ungenießbar.

Autor: Bettina Hartmann
Aus: Sonntag Aktuell, 17. Januar 2010